Eine Reise, in der dieselbe Frage wiederkehrt — wie bringt man zum Kooperieren, was nicht zusammengehört? Von der Zelle bis zur Gesellschaft, vom Aerogramm bis zur KI. Manche Kapitel sind gelungen, manche nicht. Aus beiden habe ich gelernt.
01
Neugier & Aufbruch
Meine erste Visitenkarte, mit neunzehn in München entworfen.
Es fing früher an, als man denken würde. Als Jugendlicher entwarf und nähte ich meine eigenen Kleider — weite, ungewöhnliche Schnitte, die es so nicht zu kaufen gab. Ich brachte mir das Nähen selbst bei, weil ich das Bild im Kopf hatte und es sonst niemand baute. Ein Muster, das bleiben sollte: Wenn es das, was ich wollte, nicht gab, lernte ich, es selbst zu machen.
Selbst entworfen und genäht.Entworfen und auf einer Tritt-Singer-Maschine genäht.
Dann kam die Bundeswehr. Ich begann als Sanitäter in Kempten und wechselte in eine Pionierkaserne nach München. Nach einem Monat merkte ich, dass mich das System mehr störte, als ich es aushalten wollte — also verweigerte ich und leistete Zivildienst. Es wurde eine der prägendsten Zeiten meines Lebens: An der Pfennigparade in München begleitete ich junge Menschen mit schweren Behinderungen durch ihren Schulalltag und ihre Prüfungen. Manche von ihnen wussten, dass sie nicht alt werden würden, und gingen mit einer Freude und Entschlossenheit an ihr Leben, die ich nie vergessen habe. Dort habe ich gelernt, was Würde bedeutet — und dass der Wert eines Menschen nichts mit dem zu tun hat, was er leisten kann.
Danach zog es mich hinaus. Mit dem Rucksack reiste ich einmal um die Welt, immer nach Westen: New York, Los Angeles, Hawaii, Tahiti, die Cookinseln und Fidschi, wo ich mir die Zeit nahm, tauchen zu lernen und weitere Inseln zu entdecken. Trampend durch ganz Neuseeland, samt einem der ersten Bungee-Sprünge, die es dort gab; Australien bis Port Douglas, dann Bali, Singapur, mit dem Zug durch Malaysia bis Bangkok. Im Norden Thailands zu den Bergvölkern, mit Elefanten und auf Flößen, bis an die Grenze Myanmars; im Süden nach Koh Samui — damals noch ohne Flughafen — und Koh Phangan. Dann über die Malediven nach Indien, Kerala und Tamil Nadu, der verrückteste Teil von allem. Bevor es Smartphones gab, gab es Aerogramme: dünnes blaues Papier, das Wochen bis nach Hause brauchte.
Trampen, irgendwo zwischen zwei Zielen.Bangkok.
Später, während des Studiums, arbeitete ich nachts in der Lissabon-Bar in Haidhausen — und finanzierte damit die nächsten Reisen in den Semesterferien. Auf einer davon, über Hongkong nach Asien, sah ich zum ersten Mal jemanden mit einem Mobiltelefon telefonieren, einem Gerät so groß wie ein Ziegel. Dass Netzwerke einmal meine Arbeit würden, ahnte ich nicht.
Was blieb: Man kann losgehen, ohne den Weg zu kennen — und sich selbst beibringen, was noch fehlt. Auf meiner ersten Visitenkarte stand es schon: The Journey Is Destination.
02
Wie Systeme sich entwickeln
Ich habe das Labor eines Nobelpreisträgers verlassen, um Videos zu verkaufen. Aber der Reihe nach.
Ich wurde Biologe, weil mich eine Frage nicht losließ: Wie finden einzelne Zellen zusammen, ohne dass jemand sie dirigiert? Nach dem Vordiplom an der TU München und dem Diplom in Freiburg forschte ich am Max-Planck-Institut für Immunbiologie in Freiburg, bei Georges Köhler — Nobelpreisträger für monoklonale Antikörper, jenes Werkzeug, mit dem die Immunologie später kartieren konnte, wie der Körper Eigenes von Fremdem unterscheidet. Wem vertraut ein System, wen stößt es ab? Diese Frage ist nie verschwunden. Aus dieser Zeit stammt eine Arbeit über die frühe Aktivierung des Hoxb6-Gens, an der ich als Mitautor beteiligt war (Developmental Dynamics, 1996). Eine Promotion in Bern war geplant — ich habe sie abgebrochen. Selbst etwas zu bauen war stärker.
Was blieb: Ein lebendes System versteht man nicht an seinen Teilen, sondern an ihren Beziehungen.
03
Firmen & Informationssysteme
Manhattan No. 1 — die erste eigene Firma.
Ins Unternehmertum stieg ich mit eigenen Videotheken ein — der Videothek & Telespiele GmbH „Manhattan No. 1“, mehreren Läden in Süddeutschland. Später wurde die Movie Plus Medien GmbH zur Muttergesellschaft: ein Großhandel, in dem das Büro noch weitgehend per Fax bestellte. Also schrieb ich die erste Einkaufssoftware selbst, in Microsoft Access. Wieder etwas, das es so nicht gab — also baute ich es. Bald nutzten wir historische Daten, um klüger einzukaufen; heute hieße das predictive purchasing, damals war es schlicht ein Vorsprung. Movie Plus, die ich von 1996 bis 2020 führte, hielt später die Hälfte an der E-group GmbH. Dort führten wir von 2007 bis 2009 drei ERP- und Buchhaltungssysteme zu einem zusammen — bei 55 und 15 Millionen Euro jährlichem Einkaufsvolumen. Der Bearbeitungsaufwand halbierte sich, und aus zwei Wochen bis zur Lieferung wurden vier Tage.
Videotaxi — Filme nach Hause, lange vor dem Streaming.Einer der frühen Prozessentwürfe.
Was blieb: Bessere Information und integrierte Systeme führen zu besseren Entscheidungen — der Faden, der bis zu meiner heutigen Arbeit mit KI reicht.
04
Die Welt sehen
Dieselbe Landschaft von oben.
Zwischen zwei Kapiteln lebte ich eine Zeit lang wie ein Nomade — Australien, Neuseeland, Südafrika, Panama, Argentinien, Brasilien. Das Internet steckte in den Anfängen, und ich arbeitete schon damals aus der Ferne: beriet Medien- und mittelständische Unternehmen zwischen zwei Flügen. Eigentlich war ich Reisender, der ab und zu einen Auftrag annahm. Über zwölf Jahre flog ich Gleitschirm und tauchte — dieselbe Landschaft von oben und von unten. Bei Consult Cube in Zürich wurde aus dem Blick fürs Ganze Beruf: internationale Projekte und Investitionen bewerten, auf mehreren Kontinenten.
… und von unten.
Was blieb: Wer eine Sache aus mehreren Perspektiven kennt, urteilt anders — vorsichtiger und mutiger zugleich.
05
Lateinamerika
Das KiotSCO-Team in Bogotá.
Kolumbien war für mich nie ein Markt, sondern ein Zuhause. In Bogotá baute ich mit KiotSCO drahtlose IoT-Technik für Gebäude und Städte auf und brachte europäische Technologie mit lateinamerikanischen Möglichkeiten zusammen. Mit KreARCE wurde es persönlicher: In der Casa KreARCE entstand das Restaurant Peace & Love, dazu kamen More Food und La Tiendita de Rosi — Gastfreundschaft, Gemeinschaft, Menschen an einem Tisch. Hier lebte ich Parchar — eine Gesellschaftsform, die wir vergessen haben.
Peace & Love.More Food.
Was blieb: Geschäft entsteht zwischen Menschen, nicht zwischen Kennzahlen — und eine Brücke zwischen Europa und Lateinamerika trägt in beide Richtungen.
06
Netzwerke & Infrastruktur
Manchmal wird aus einer Bewertung ein Bauauftrag. Aus einem Startup, das ich bei Consult Cube prüfte, wurde meine Arbeit mit IP500 — einem Standard für sichere, drahtlose Gebäudenetze. Plötzlich ging es um Ökosysteme statt Einzelprodukte: Standards, Interoperabilität, das Zusammenspiel vieler Hersteller. In der Welt der Software Defined Buildings und FTTO lernte ich, wie dezentrale Systeme sich selbst organisieren. Bei einem großen Bildungscampus in Villavicencio ging es um Nachrüstung, Licht- und Energiesteuerung, Sensorik.
Was blieb: Kein Hersteller löst das allein; die Frage ist immer, wie die Teile miteinander sprechen.
07
Technologien verbinden
Technik in Entscheidungen übersetzen.
Bei BIT Consulting drehte ich die übliche Reihenfolge um. Die meisten starten mit einem Produkt und suchen ein Problem. Wir starteten mit der Herausforderung, suchten dann die passenden Technologien und Partner und bauten die Lösung um das Problem herum — als Berater, Mitgründer und CTO im Sinne der Technologie-Strategie und -Architektur des Partner-Ökosystems, verantwortlich fürs Geschäft in Spanien und Lateinamerika. Beim Encuentro de Arquitectura Empresarial Digital 2025 von Ecopetrol hielt ich die Keynote „Del IoT a las decisiones cognitivas“ — vom Internet der Dinge zu kognitiven Entscheidungen: industrielles IoT, Datenanalyse, Digital Twins und KI.
Was blieb: Die stärkste Lösung ist selten ein Produkt, sondern das richtige Ökosystem um eine klar verstandene Frage.
08
Bewerten, was kommt
Bei ISORYX, einer ultradünnen Beschichtung, fiel mir etwas auf: Sie fällt bei den genormten Dämmtests durch — weil dort die Dicke des Materials ein Prüffaktor ist. Für eine Dünnschicht ist das der falsche Maßstab. Nicht das Produkt versagt, sondern der Test passt nicht; über zehn Jahre Feldprojekte zeigen die Wirkung. Genau das ist meine Art, Technologie zu prüfen: erst den physikalischen Kern verstehen, dann fragen, welcher Test überhaupt der richtige ist. Bei KI mache ich es genauso — erst den Prozess verstehen, dann entscheiden, ob es Umbau, klassische Automatisierung, KI oder einen agentischen Ablauf braucht.
Was blieb: Bevor man eine Antwort bewertet, muss man prüfen, ob die Frage stimmt.
09
Die offene Frontier
Und damit bin ich zurück bei der Frage von ganz am Anfang — nur größer. Zellen entscheiden über einen feinen Mechanismus, wem sie vertrauen und wen sie abstoßen. Wir Menschen sind darin schlechter geworden. Unsere digitalen Netze sind auf Aufmerksamkeit und Kontrolle gebaut, nicht auf Vertrauen — und ich frage mich seit Jahren, ob wir eine andere Grundlage brauchen. Ich habe dazu Manifeste geschrieben, aber ehrlich gesagt habe ich mehr Fragen als Antworten. Es ist derselbe Reflex wie damals mit Nadel und Faden — nur diesmal für etwas, das noch niemand gebaut hat.
Was bleibt — und offen bleibt: Die Reise war immer das Ziel. Weiter zu Erkunden